Eine Lanze für die Spiritualität

  • ZUFALLSFUND: Spiritualitaet aus der Sicht eines Wissenschaftlers.
  • Ich fand es ganz interessant, was sagt ihr dazu?

    Veröffentlicht von MartinB am Mai 20, 2011

    Das Wort “Spiritualität” hat auf den Scienceblogs keinen guten Klang. Meist wird es synonym mit “Geschwurbel” verstanden – “Spiritualität” ist anscheinend, wenn man nicht genau weiß, was man sagen will, das aber ganz doll wichtig findet. Hier mal ein Beispiel:

    “Die Atlantis Energie Code Phyolen sind sehr feine Schwingende… Energieimpulse und regen unsere innere Kraft, Ausdauer, Gesundheit, Liebe, Spiritualität, Wahrheit und Erfolg wieder an.”
    Beim Lesen solcher Texte kann man ja förmlich spüren, wie sich die Neuronen gegen das Verarbeiten des Inhalts wehren. Und tippt man mal bei google “Spiritualität” ein, dann findet man in der Anzeigenspalte “Exzellentes Hellsehen”, “Wage den Blick in die Zukunft”, “Erwarte dein Wunder” und ähnlichen Kram.
    Dass ich angesichts all dessen – und auch noch hier auf den Scienceblogs – eine Lanze für die Spiritualität brechen will, dürfte deshalb schon ein wenig überraschend erscheinen.

    Was ist überhaupt “Spiritualität”? Die tollen feinstofflich schwingenden Zukunftsvorhersage-Dingsbumse lassen nichts gutes erahnen – aber tatsächlich haben die modernen “Esoteriker” das Wort in seiner Bedeutung ein bisschen zweckentfremdet.

    Fragen wir lieber das Füllhorn irdischen Wissens (Wikipedia):

    Spiritualität … bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit und kann eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung meinen. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht dann auch immer für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.

    Ähnlich definiert “Esowatch” (ich zitiere “Esowatch”! Ob’s jetzt wieder ne Beschwerde beim Uni-Präsidenten gibt?) den Begriff “Spiritualität”, legt allerdings den Fokus etwas stärker auf die übernatürlichen Aspekte.

    Spiritualität…bezeichnet … religiöse oder außerhalb einer Religion ausgeübte Hinwendung zu übernatürlichen Wesen (Gott, Götter) und andererseits eine Weltanschauung, die Phänomenen eine über materielle Eigenschaften hinausgehende oder Materie-ablehnende Geistigkeit zuordnet. Spiritualität umfasst auch die Suche und Sehnsüchte nach einer “geistigen” Verbindung zum Transzendenten, einem Jenseits oder einer Unendlichkeit.

    Um es gleich vorwegzuschicken: Ich habe nicht vor, in diesem Text irgendwie “materie-ablehnend” (was immer das heißen soll – “Elektronen find ich doof” oder “Weg mit Gluonen – Freiheit für die Quarks”??) zu argumentieren. Ich habe auch nicht plötzlich meine Vorliebe für die Physik und die Naturwissenschaft vergessen. Trotzdem sehe ich eine Rolle für die Spiritualität.

    Spiritualität im weitesten Sinne ist die Beschäftigung mit dem menschlichen Geist, und zwar – anders als in der Naturwissenschaft – introspektiv, also durch Selbstbeobachtung. Aber sollte ich als Naturwissenschaftler nicht lieber zu den Neurowissenschaftlern gehen, wenn ich etwas über den Geist (oder das Bewusstsein) erfahren will?

    Natürlich kann und sollte man das tun. Und als Materialist gehe ich auch fest davon aus, dass geistige Prozesse der Beschreibung durch die Naturwissenschaft vollkommen zugänglich sind – prinzipiell ist alles, was ich denke und fühle, durch das Zusammenspiel der Neuronen, Neurotransmitter, Synapsen und so weiter festgelegt und beruht letztlich auf der Wechselwirkung von Elektronen und anderen Elementeilchen. Ob man diese Beschreibung jemals vollständig erreichen wird, weiß ich nicht – aber ich sehe kein prinzipielles Hindernis.

    Nur darf man eines nicht vergessen: Die Naturwissenschaft beschreibt die Natur – sie sollte aber nicht mit der Natur verwechselt werden. Die Beschreibung ist nicht das Beschriebene, wie dieses berühmte Bild zeigt:

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    “Dies ist keine Pfeife” – es ist nämlich ein Bild einer Pfeife, aber das Bild ist nicht die Pfeife selbst.

    Und genauso ist es natürlich auch ein Unterschied, einen Geisteszustand wie ein Gefühl wissenschaftlich zu beschreiben oder es zu erleben. Selbst das lässt sich wieder wissenschaftlich nachweisen, denn in beidem Fällen werden unterschiedliche Hirnareale aktiviert. Auch wenn das Subjektive also einer objektiven Beschreibung zugänglich ist, hat es seine eigene Qualität, die Objektiv zwar beschrieben, aber nicht erlebt werden kann.1

    1Bei den Philosophen gibt es hier eine endlose Diskussion über die Frage der “Qualia” – also genau des subjektiven Empfindens, und ob diese einer wissenschaftlichen Beschreibung zugänglich sind oder ob es Aspekte der “Qualia” gibt, die jemand, der sie nicht erlebt, niemals nachvollziehen kann. Lesetipp hierzu: D. Dennett, “Sweet Dreams” und auch der berühmte Aufsatz von T. Nagel “What is it like to be a bat?”. Meine Meinung hierzu ist einfach: Ich glaube, dass prinzipiell alle Aspekte der “Qualia” auch wissenschaftlich erfasst werden können, dass es aber trotzdem natürlich nicht dasselbe ist, Qualia zu erleben wie ihre Beschreibung zu kennen.

    Und weil das eigentlich jedem Naturwissenschaftler intuitiv klar ist, gehen auch alle Kritiken der Art “Ihr seht immer alles ganz rational” ins Leere. Hier auf den Scienceblogs gab es ja auch schon öfters Kritik der Art “Wissenschaft kann Liebe nicht erklären”. Wahrscheinlich kann sie Liebe im wissenschaftlichen Sinne “erklären” – aber trotzdem wird jeder Wissenschaftler es vorziehen, verliebt zu sein, statt ein paper mit dem Titel “Neurochemical and -physical correlates of affectionate emotional states” zu lesen.

    Auch die naturwissenschaftliche Beschreibung lässt also einen Platz für die Subjektivität. Wenn man sich mit dem menschlichen Bewusstsein beschäftigen will, dann kommt auch der Naturwissenschaftler letztlich nicht darum herum, subjektive Erfahrungsberichte zu studieren, denn die sind ja genau das Material, das er studieren will. (D. Dennett spricht in diesem Zusammenhang von “Heterophenomenology”.)

    Nun gut, dass es subjektive Erfahrungen gibt und dass sie einen eigenen Charakter und Wert haben, ist tatsächlich eine ziemlich offensichtliche Erkenntnis. Aber wie komme ich von diesem Punkt zur “Spiritualität”?

    Spiritualität, wie ich sie hier verstehe, ist die (introspektive) Beschäftigung mit dem Geist. Dabei kommt es zu einer Art Rückkopplungsschleife. Wir erleben “die Welt” dadurch, dass unsere Sinne unserem Gehirn Eindrücke vermitteln. Aber was passiert, wenn wir uns auf unsere eigenen Gedanken konzentrieren, wenn wir sozusagen die Sinne auf uns selbst richten? Dann stecken wir plötzlich in einer “seltsamen Schleife”: Die Gedanken versuchen sich selbst zu erkennen und zu beobachten. Und während sie das tun, formt diese Beobachtung die beobachtenden Gedanken, ein bisschen wie in diesem Bild von Escher:

    i-cc88032bd8c828548bce6837993a85a5-escherLoop.jpg

    Die Gedanken, die wir formen, bilden sich in unserem Kopf – den wir wiederum mit unseren eigenen Sinnen erkennen. Wenn wir den Geist auf sich selbst richten, verschwindet plötzlich die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Beobachtendem und Beobachtetem, zwischen “Ich” und “Außenwelt”. Plötzlich wird klar, dass die beobachtete Welt “da draußen” eigentlich “hier drinnen” ist, und das umgekehrt die Welt “hier drinnen” nicht von der “da draußen” abgegrenzt ist. Um es mit den Worten von Hermann Hesse zu sagen: “Nichts ist Außen, nichts ist Innen, denn was Außen ist, ist Innen”.

    Die subjektive Erfahrung beruht auf den Objekten, die die Wissenschaft beschreibt, aber diese Objekte werden nur durch die subjektive Erfahrung zugänglich. Und hier, genau an der Grenze zwischen Subjekt und Objekt, hier ist die Spiritualität angesiedelt, der Versuch, den Geist sich selbst erkennen zu lassen und dabei etwas über das Universum zu erfahren, oder genauer gesagt darüber, wie das Universum in unseren Gedanken entsteht, die ihrerseits durch das Universum geschaffen werden:

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    .

    Im genialen Buch “Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten” versucht Robert M. Pirsig, den Begriff der “Qualität” zu verstehen. Nachdem er fast an der Frage gescheitert wäre, ob Qualität nun objektiv sei (was ein Problem ist, weil man dann objektive Werturteile fällen könnte) oder subjektiv (was ebenfalls ein Problem ist, weil dann mein Geschmiere auf einem Blatt Papier genauso Kunst sein könnte wie ein Bild von van Gogh) dreht er den Spieß um und sagt “Qualität ist die Grenze, die das Subjekt vom Objekt trennt.” Er erkennt, dass dieser Qualitätsbegriff wegen seines Grenzcharakters nicht mit Worten beschreibbar ist und dass er Eigenschaften hat, die schon vor langer Zeit mit einem anderen Wort belegt wurden: “Das Tao, das genannt werden kann, ist nicht das ewige Tao”.

    Hier an der Grenze zwischen Subjekt und Objekt versagen die Worte. Wer diese Grenze erfahren will, der muss nach Wegen suchen, sie möglichst klar zu erkennen. Und dieser Weg ist nicht die Naturwissenschaft – nicht, weil sie die dort zu machende Erfahrung nicht beschreiben kann (das wird sie eines Tages vielleicht können), sondern weil diese Beschreibung wiederum eine objektivierte wäre und deshalb nicht dasselbe ist, so wie das Bild der Pfeife nicht die Pfeife ist.

    Spiritualität in diesem Sinne ist also der Versuch, durch Selbstbeobachtung etwas über das Universum zu erfahren, und zwar darüber, wie das Universum in unserem Kopf entsteht und wie unser Kopf das Universum schafft. Beide bedingen sich gegenseitig, so wie im klassischen Yin-Yang-Bild:

    i-1d617193d4b95f0c10b61f010ad795ef-Yin_yang.svg.png

    Das Universum bestimmt unseren Geist, aber umgekehrt bestimmt unser Geist das (von uns wahrgenommene) Universum.

    Im Buddhismus heißt es auch “Form ist Leere, Leere ist Form” – wobei das Wort für Leere, “Sunyata”, nicht einfach “das Nichts” bedeutet, sondern besagen soll, dass die Dinge “substanzlos” sind – nichts kann allein stehen, sondern alles wird immer durch die umliegende Welt geschaffen, und weil diese sich ständig ändert, haben die Dinge keine echte “Substanz”, keine Dauerhaftigkeit. Dies gilt auch und ganz besondes für unser “Ich” – das “Ich” ist letztlich nur ein Konstrukt, das uns eine Kontinuität vorgaukelt, die nicht wirklich da ist. Wo ist der MartinB, der als Kind Dinofilme geguckt hat, oder der irgendwann studiert hat oder der heute morgen einen Kaffee getrunken hat? Und wo ist jetzt, in diesem Moment, die Grenze zwischen “mir” und “dem Rest der Welt”? Je schärfer man hinsieht, um so mehr verwischt die Grenze.

    Etwas Ähnliches habt ihr alle vermutlich schon erlebt, wenn ihr in irgendeiner Tätigkeit vollkommen versunken seid – bei mir passiert das oft beim Programmieren und manchmal auch beim Schreiben. (Neudeutsch sagt man dazu wohl “Er ist im Tunnel”.) Und während man vollkommen versunken ist, gibt es kein ich und kein da draußen mehr – ich könnte sagen “Es programmiert”.

    Eine wichtige Voraussetzung für einen solchen Zustand ist, dass man die Dinge annimmt, wie sie sind. Wenn mich das Programmieren nervt, wenn ich denke “Wenn doch das Programm endlich fertig wäre”, dann steht mein “Ich” mir im Weg. “Ich bin genervt”, sage ich – eigentlich müsste ich eher sagen “Das Genervtsein erschafft mich”, denn in diesem Moment werde ich ja vor allem durch diesen Geisteszustand definiert. (Hier gibt es übrigens spannende Parallelen zu den Ideen von D. Dennett in “Consciousness Explained”.)

    Wenn ich aber “im Tunnel” bin, dann ist die Welt so, wie sie ist – der Fokus liegt nur auf den Dingen, die da sind; hier ist ein Konstruktor zu programmieren, dort muss ich eine neue Header-Datei anlegen. Es gibt kein “Genervtsein” oder sonst etwas mehr. Wichtig ist also, die Welt anzunehmen, und nicht die eigenen Gedanken, Vorstellungen oder sonst etwas auf die Welt zu übertragen – “dies ist schlecht”, “das ist nervig”.

    Ein ähnlicher Zustand wird häufig beim Meditieren angestrebt – allerdings mit dem kleinen “Extra”, dass man nicht nur in der Meditation versinken, sondern sich dabei gleichzeitig noch dieses Zustandes bewusst werden soll. Dennoch soll man auch hier versuchen, die inneren Zustände nicht nach Außen zu übertragen. Im Buddhismus heißt diese Idee, weil sich das “Selbst” verliert, entsprechend das “Nicht-Selbst”. Weil man keine eigenen Vorstellungen und Werte mit sich herumschleppt, könnte man auch von einem Zustand der “Armut” sprechen – und vielleicht gewinnt jetzt ein anderer Ausspruch plötzlich an Bedeutung: “Selig sind die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich.” (So jedenfalls die Interpretation von Meister Eckhart.)

    Weia – jetzt habe ich nicht nur buddhistische Lehren, sondern sogar die Bibel zitiert – da denkt ihr alle gleich an das böse “R”-Wort: Religion auf den Scienceblogs?

    Keine Panik.

    Religionen sind ja normalerweise Erlösungslehren – sie sagen uns, was wir tun müssen, damit unsere “Seele” erlöst werden kann. In diesem Sinn ist der Buddhismus eine etwas ungewöhnliche Religion (viele bezeichnen ihn ja auch eher als Philosophie oder Weltbild) – er sagt uns, dass wir erlöst werden, wenn wir erkennen, dass es die “Seele” und unser “Ich” nicht gibt. Da ist nichts, was erlöst werden müsste. Es gibt nur das Universum jetzt und hier, von dem ein Teil irrigerweise versucht, ein abgegrenztes Subjekt namens MartinB zu sein. Diesen MartinB zu “erlösen” ist unmöglich – dazu müsste man ihn erst einmal zu etwas Dauerhaftem machen, aber das geht in einem sich ändernden Universum nicht – “Form ist Leere, Leere ist Form”.

    Die einzige Form von “Erlösung” (besonders im Zen-Buddhismus gern “Erleuchtung” genannt), die es hier geben kann, besteht darin, genau dies zu erkennen. Und diese “Erleuchtung” könnt ihr auch nicht “erlangen” – Erleuchtung ist nicht so wie ein Physikdiplom, das man macht und dann ist man Physiker. (Auch wenn viel über “Erleuchtungserlebnisse” geredet wird.) Denn wenn es kein “Ich” gibt – was soll da erleuchtet werden und diese Eigenschaft mit sich herumtragen? Ihr könnt die Tatsache, dass es keine Grenze zwischen Subjekt und Objekt, kein “getrenntes ich” und “Universum”, kein “Innen” und “Außen” gibt, nur in jedem Moment wahrzunehmen versuchen.

    Ähnliche Ideen sind in den verschiedenen Religionen übrigens immer wieder entdeckt worden (und sicherlich auch von vielen nicht-religiösen Menschen – das Altgriechische “panta rei” = “alles fließt” ist ja ein ganz ähnlicher Gedanke). Meist werden die entsprechenden Leute als “Mystiker” bezeichnet – vermutlich deswegen, weil es hier eben um Dinge geht, die mit Worten nicht wirklich ausgedrückt, sondern nur umschrieben werden können.

    Machen mich diese Gedanken jetzt zu einem Buddhisten? Keine Ahnung – ich nehme Wahrheiten da, wo ich sie finde, egal ob religiös oder nicht. Aber da es mein “Ich” ja ohnehin nicht gibt, ist das vermutlich eh die falsche Frage.

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